Gesundheit in Bolivien

Für die Kinder von Urifaya

Berge und Felsen so weit das Auge reicht. Die Schönheit der Natur gehört zu Josefina Serranos Leben wie der harte Alltag. In ihrem Bergdorf Urifaya im kargen Hochland Boliviens fehlt es an fast allem. Trotzdem ist die junge Mutter guten Mutes. Unterstützt vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) konnte die Mangelernährung von Kleinkindern um ein Drittel gesenkt werden.

Josefina Serrano ist schon lange auf den Beinen. Morgens um halb Neun ist sie zurück vom Feld, hat die Hühner und Ziegen versorgt und auf dem einfachen Holzherd Essen gekocht für die ganze Familie. Nun macht sie sich auf den Weg zum Gesundheitszentrum ihres Dorfes Urifaya, das im Südwesten Boliviens zum Kanton Poco Poco gehört. Im steilen Gelände, wo wir ohne Trekkingschuhe verloren wären, ist sie in ihren einfachen Sandalen flink unterwegs. Den anderthalbjährigen Darwin hat die 28-Jährige in einem bunten Tuch auf dem Rücken fixiert. Die drei andern Kinder, Deysi (4), Wilfredo (7) und Limbre (10) sind längst in der Schule.

Jedes Kind wird untersucht

Für Josefina Serrano ist heute der Höhepunkt des Monats. Im Gesundheitszentrum findet das monatliche «CAI comunal» statt. Die Abkürzung steht für Comité de Analisis de Infomacion – eine Dorfversammlung, bei der gemeinsam Probleme besprochen und nach Lösungen gesucht wird. Das SRK hat die eingeschlafene Tradition des CAI vor ein paar Jahren zu neuem Leben erweckt und damit auch den Dialog innerhalb des Dorfes massiv gefördert. Kernstück der Versammlung ist die systematische Untersuchung aller Kleinkinder. Wer unter fünfjährig ist wird monatlich gewogen, gemessen und gesundheitlich untersucht. 

«Ich kann jetzt viel besser beurteilen, ob es meinen Kindern gut geht.»

Hat das Kind Husten? Oder vielleicht Durchfall? Die Daten werden in einer Tabelle auf einem grossen Plakat erfasst – für alle einsehbar. Zudem hat jedes Kind ein Gesundheitsbüchlein, in dem seine Entwicklung festgehalten wird. “Ich kann jetzt viel besser beurteilen, ob es meinen Kindern gut geht und wann ich im Gesundheitszentrum Hilfe suchen muss“, sagt Josefina Serrano.

Weniger Kinder mangelernährt

55 Prozent betrug die Unterernährung bei Kleinkindern, als das SRK 2010 im Kanton Poco Poco mit der Arbeit begann. Eine dramatisch hohe Zahl. Unterdessen ist sie auf 34 Prozent gesunken. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass alle Mütter mit Kindern im Alter von acht Monaten bis zwei Jahren am CAI einen nährstoffreichen Brei erhalten, der die tägliche Nahrung der Kinder ergänzt. Je nach gesundheitlicher Situation werden auch Vitamine verschrieben und ältere Kinder erhalten bei Bedarf ebenfalls Zusatznahrung. 

Kein Wunder, dass vor allem die Mütter den CAI nicht verpassen wollen. Aus allen Himmelsrichtungen treffen sie an diesem Morgen ein. Manche mussten ihre Kleinsten mehr als zwei Stunden tragen, denn die Häuser in der dünn besiedelten Bergregion sind weit verstreut. Die geografische Abgeschiedenheit geht mit massiver Vernachlässigung einher. Elektrizität fehlt hier genauso wie fliessendes Wasser oder Toiletten. Eine Strasse gibt es nur unten im Tal, ansonsten besteht das Verkehrsnetz aus halsbrecherischen Schotterpisten. Manche Dörfer, so auch Urifaya, sind während der Regenzeit wochenlang von der Umwelt abgeschnitten. Ausser dem SRK, das indigene Bauernorganisationen unter anderem dabei unterstützt, ihr Recht auf eine bessere Gesundheitsversorgung einzufordern, gibt es hier keine Hilfe von aussen.

Kein einziger Laden im Dorf

625 Menschen, darunter 29 Kleinkinder, leben in Urifaya, dessen Dorfkern aus Gesundheitszentrum, Schule und einer einfachen Kirche besteht. Alle drei Monate kommt sonntags der Pfarrer vorbei, dazwischen bestatten die Menschen ihre Verstorbenen selber. Markt gibt es keinen, nicht einmal einen kleinen Laden. Die Bauernfamilien sind Selbstversorger. Saisonal verdingen sich die Männer als Taglöhner auf den Feldern des Tieflandes oder in den gefährlichen Silber-, Zink- oder Bleiminen. Mit dem verdienten Geld können sie das Nötigste kaufen. Zum Beispiel Pullover für die Kinder. Oder warme Kniestrümpfe, mit denen sich die Frauen – stets im traditionellen Jupe - abends vor der bitteren Kälte schützen, die auf 3500 Metern über Meer das Leben zusätzlich erschwert. 

Doch so bescheiden der Lebensstandard ist: Vieles hat sich in den letzten Jahren bereits zum Besseren verändert. «Bevor das SRK uns zu unterstützen begann, war das Gesundheitszentrum verwaist. Jetzt gibt es hier regelmässig Impfkampagnen und meist ist auch eine Ärztin da, die sich um uns kümmert», sagt Josefina Serrano. In Kursen habe sie zudem viel über gesunde Ernährung gelernt. «Früher dachte ich: Hauptsache satt. Heute weiss ich, dass die Kinder für ihre Entwicklung nicht nur Kartoffeln und Weizen brauchen, sondern auch Eiweiss und Vitamine», erklärt die 28-Jährige. Sie bemühe sich, vermehrt auch Gemüse zuzubereiten. Ihr Mann Santiago achte schon bei der Bepflanzung der Felder darauf.

Ein kleines Wunder

Josefina Serrano ist zufrieden mit der Entwicklung ihrer Kinder. Darwin hat seit der letzten Messung wieder hundert Gramm zugenommen. Doch auch die vierjährige Deysi, das Sorgenkind der Familie, entwickelt sich gut. Das zierliche Mädchen trägt schon wie die Frauen das Haar in langen, geflochtenen Zöpfen. Mit nur 13,8 Kilogramm braucht sie zwar noch Zusatznahrung. Doch wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass sie mit Vier so munter ist und jeden Morgen mit ihren grossen Brüdern den 40-minütigen Weg in die Schule gehen kann? Damals war sie schwer krank und musste mit akuter Lungenentzündung ins Spital gebracht werden. Was nach Routine klingt, ist in Poco Poco ein kleines Wunder. Alles hing an einem Faden. Denn das nächste Spital liegt fünf Stunden Fahrt über miserable Strassen entfernt. Ohne das SRK, das das lokale Gesundheitszentrum unterstützt, wäre der Transport für die Familie unerschwinglich und ein Auto nicht aufzutreiben gewesen. 

«Wir haben alles versucht»

Was es heisst, im Notfall ohne jede Hilfe zu sein, zeigt die traurige Geschichte des 14-jährigen Evo. Er war erst Vier, als seine Mutter bei der Geburt seines übernächsten Bruders starb. Niemand konnte ihr damals helfen, weit und breit gab es keinen Arzt und keine Hebamme. Die Grosseltern kümmerten sich danach um ihre Enkel. «Wir haben das Baby mit Milch versorgt und alles versucht, um es durchzubringen», berichtet Grossvater Angel Gonzalez. 

«Wir haben damals alles versucht, um das Baby durchzubringen.»

Doch damals habe es noch kein funktionierendes Gesundheitszentrum gegeben, keine Zusatznahrung für Babys, keine Möglichkeit in der Stadt Hilfe zu suchen. Ein Jahr lang überlebte der Kleine, dann starb auch er. 

Heute hätten Evos Mutter und sein kleiner Bruder bessere Chancen. Die Bevölkerung von Urifaya hat mit Unterstützung des SRK bei den Behörden durchgesetzt, dass das Gesundheitszentrum von ausgebildetem Personal geführt wird und über die nötigen Medikamente verfügt. Doch noch bleibt viel zu tun in Poco Poco. Die Entwicklung in dieser entlegenen Region braucht viel Geduld - und vor allem auch unsere Unterstützung.