SRK-Engagement in fragilen Ländern

«Flexibel bleiben und neue Wege suchen»

Noch nie waren so viele Programmländer des SRK so instabil wie heute. Wie man in einem fragilen Kontext trotz allem weiterarbeiten kann, untersucht eine SRK-Studie am Beispiel von Gesundheitsprogrammen in Südsudan und Haiti. «Es braucht eine besondere Sensibilität, damit nicht unbeabsichtigt zusätzlicher Schaden entsteht», erläutert die SRK-Beraterin für Fragilität, Verena Wieland.

Verena Wieland, Fragilität nimmt weltweit zu. Wie äussert sich dies in der Arbeit des SRK?

Das Thema Fragilität hat in den letzten Jahren an Dringlichkeit gewonnen. Immer mehr Programmländer des SRK sind betroffen. Die Ursachen von Fragilität sind sehr komplex: In Südsudan z.B. überschneiden sich die Folgen eines langwierigen Unabhängigkeitskriegs mit Dürren, rivalisierenden politischen Gruppen und einem Bürgerkrieg. In El Salvador oder Honduras konnte das SRK bis vor zehn Jahren einigermassen ruhig arbeiten, seit einiger Zeit wird es immer kritischer. In El Salvador wirken kollektive Traumata aus dem Bürgerkrieg unterschwellig weiter, gleichzeitig werden Jugendgangs und das organisierte Verbrechen immer mächtiger. Gewalt, Drogenhandel, Verunsicherung und Transformation ergeben zusammen eine explosive Mischung. Honduras ist eines der Länder mit der höchsten Mordrate weltweit. In solchen Umfeldern müssen wir unser Gesundheitsprojekt der Situation anpassen und Massnahmen treffen, um unsere Arbeit weiterführen zu können.

Was genau beinhaltet Fragilität?

Ein System – das kann ein Staat, eine Gemeinde, ein Gesundheitssystem sein – ist immer in einem Kontext angesiedelt. Ob es stabil oder eben fragil ist, wird von externen Faktoren und Dynamiken beeinflusst. Zum Beispiel von der Umwelt, wirtschaftlicher Situation, sozialen Aspekten, dem politischen System. Gleichzeitig spielt es eine Rolle, ob dieses «System» Instrumente hat, sich gegen die negativen Umwelteinflüsse zu wehren. Nehmen wir als Beispiel den Südsudan, wo es seit jeher zu Konflikten zwischen Nomaden und sesshaften Bauern kam. Traditionelle soziale Mechanismen, um solche Konflikte zu regeln, funktionieren heute leider kaum mehr. Die Kriegserfahrungen und die vielen Waffen im Land, aber auch der Zugang zu knapper werdendem Wasser und Land führen zu blutigen Auseinandersetzungen.

In Bezug auf Haiti spricht die Studie von der «Wait and See»-Mentalität, die das Land lähmt. Wie erklären Sie diese?

Einiges lässt sich aus der Geschichte Haitis erklären, mit dem langjährigen Regime, das die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes vernachlässigte und es in politische Instabilität führte. Die Repression während der Diktatur untergrub Vertrauen und Eigeninitiative der Bevölkerung. Dazu kommt die grossflächige Abholzung des Waldes, welche die Böden schutzlos der Erosion des tropischen Regens aussetzt. So wird die Lebensgrundlage der Landbevölkerung zerstört, mit der Konsequenz der Verarmung und Migration. Die schwierige Lage des Landes wird durch eine Häufung von Naturkatastrophen verschlimmert. Erdbeben und Überschwemmungen brachten zwar eine grosse Welle internationaler Hilfe, doch waren Behörden und Institutionen nicht in der Lage, diese effizient zu kanalisieren. Auch die Koordination zwischen den Hilfsorganisationen und der Regierung war äusserst schwierig. Eigeninitiative wurde so nicht honoriert, die Bevölkerung verinnerlichte eine «Wait and See»-Mentalität – das passive Warten auf Hilfe, statt selber Verantwortung zu übernehmen.

Was kann man aus dem Beispiel Haiti lernen?

Das SRK hat in Haiti Lehrgeld bezahlt, wie andere Organisationen auch. Aber unsere Studie hat auch gezeigt, dass wir vieles richtig machen. In fragilen Ländern wie Haiti müssen Programme schrittweise umgesetzt werden, unter Einbezug von möglichst allen. Vertrauen aufbauen kann man nicht in ein, zwei Monaten. Und es gibt keine vorgefertigten Lösungen, sie müssen dem Kontext angepasst sein. Es ist äussert wichtig, lokal zu agieren, doch muss gleichzeitig das Gespräch mit regionalen und nationalen Akteuren stattfinden. Im Zentrum stehen die Eigeninitiative und Stärkung der lokalen Organisationen und der Bevölkerung.

Die Studie kommt zum Schluss, dass Arbeit in fragilen Ländern einen besonders langen Atem braucht. Dies trifft auf das SRK zu?

Ja, die Arbeit in fragilen Umfeldern verläuft langsamer und wir müssen mit Rückschlägen rechnen. Das SRK zeichnet sich durch sein langfristiges Engagement aus. Wir bleiben, auch wenn sich die Situation fundamental ändert wie das Beispiel Südsudan zeigt. Im Norden des Landes, wo wir lange Zeit in einem Gesundheitsprojekt aktiv waren, hatten wir nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges Ende 2013 keinen Zugang mehr. So haben wir unsere Arbeit in Lager mit intern Vertriebenen verlegt. Dort trafen wir wieder auf Rotkreuz-Freiwillige aus unseren früheren Projektregionen, die zusammen mit ihrer Bevölkerung geflohen waren. Bei der Nothilfe in den Camps wurden diese Freiwilligen sehr schnell zu wichtigen Vermittlern zwischen Bevölkerung und Hilfsorganisationen. Man muss flexibel bleiben und neue Wege suchen.

Ihr Fazit?

Wenn wir uns mit dem Grundsatz der Menschlichkeit für die Verletzlichsten einsetzen, befinden wir uns oft in fragilen Kontexten. Wir müssen vernetzt arbeiten und nicht glauben, alles alleine leisten zu können. Eine Stärke des SRK ist seine Verankerung vor Ort. Die lokalen Rotkreuzgesellschaften mit ihren Freiwilligen sind auch noch da, wenn niemand anders mehr Zugang hat. Sie müssen geschult und gefördert werden. Schliesslich erfordert die Arbeit im fragilen Kontext eine besondere Sensibilität für Konflikte und soziale Dynamiken, damit wir nicht unbeabsichtigt zusätzlichen Schaden anrichten.