Augenspital des Roten Kreuzes

Lichtblick im Westen Nepals

Im Westen Nepals haben mit dem vom Schweizerischen Roten Kreuz gebauten Augenspital rund zwei Millionen Menschen Zugang zur Augenmedizin. Um das Augenlicht wiederzuerlangen, reisen erkrankte Menschen begleitet durch Verwandte oft tagelang.

Über ein Jahr nach der Eröffnung sieht das Augenspital Surkhet im Westen Nepals noch wie frisch gebaut aus, obschon hier seit April 2016 schon um die 100‘000 Menschen behandelt wurden. Das türkis gestrichene Gebäude leuchtet in der Sonne, auf der Wiese spielen Kinder, und daneben sitzen alte Männer auf Plastikstühlen und würfeln, während sie auf ihre Behandlung warten. Gebaut und finanziert hat das Spital das Schweizerische Rote Kreuz (SRK). Moti Gharti ist hier, um ihr rechtes Auge operieren zu lassen. Wie so viele leidet sie am grauen Star.

«Ich freue mich auf die Operation», sagt die 70-Jährige. Freuen? Ja, denn sie weiss, was kommt. Vor fünf Jahren hat die Operation ihr im linken Auge die Sehkraft zurückgegeben. Das Augenspital gab es damals noch nicht. Ein Verwandter brachte sie stattdessen in eine mobile Klinik in den Bergen. Vor dem Bau des Augenspitals boten die mobilen Kliniken die einzige Behandlungsmöglichkeit in der Region.

Wandern für Augenlicht

Moti Gharti lebt im Nachbardistrikt Jajarkot, zirka 80 Kilometer Luftlinie vom Augenspital Surkhet entfernt. Was in der Schweiz eine vielleicht stündige Autofahrt wäre, bedeutet in Nepal eine mehrtägige Reise. Die bergige, unzugängliche Landschaft macht es unmöglich, in direkter Linie von einem Ort zum anderen zu reisen. Dazu kommt, dass die Verkehrswege, wenn es denn welche gibt, bestenfalls Schotterstrassen sind. «Wir sind fast einen ganzen Tag Bus gefahren und zwei weitere Tage zu Fuss gegangen», sagt Moti Gharti. Ihre Tochter, mit deren Familie sie lebt, hat die vierfache Urgrossmutter begleitet. Auch auf der Rückreise werden sie Verwandte begleiten müssen. Während der Erholungszeit nach der Operation kommt sie bei ihrer Nichte Lila Rana unter, die in der Nähe des Spitals lebt.

Es ist soweit, Moti Gharti wird operiert. Konzentriert schneidet die Ärztin Dr. Namrata Gupta die trübe Linse aus dem Auge, um sie durch eine Kunstlinse zu ersetzen. Dieser Eingriff kostet in Nepal nur 50 Franken pro Auge. Die alte Dame kann bereits kurze Zeit nach der Operation das Spital verlassen. Sie wird am nächsten Tag zur Kontrolle wiederkommen. Vorher gilt es noch in der klinikeigenen Apotheke die verschriebenen Medikamente abzuholen. Zudem erhält Moti Gharti eine dunkle Sonnenbrille, um das nach der Operation noch empfindliche Auge vor der UV-Strahlung zu schützen. Das Spital bietet hier einen augenmedizinischen Rundumservice, da die Menschen in dieser abgelegenen Region sonst kaum eine Möglichkeit haben, sich Hilfsmittel wie Brillen oder Medikamente zu besorgen.

Armutsblindheit in Nepal

Dr. Namrata Gupta und ihr Kollege Dr. Shakti Prasad Subedi operieren den grauen Star, oder Katarakt, wie es in der Fachsprache heisst, bis zu zehn Mal pro Tag. Natürlich behandeln sie auch andere Augenleiden. Doch die Katarakt-Operation ist mit Abstand die Häufigste. Betroffen seien meist ältere Menschen, sagt Dr. Gupta. Viele Nepali kochen im Innern ihrer Häuser, ohne Rauchabzug. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, am grauen Star zu erkranken. Frauen, die traditionellerweise einen grossen Teil der Hausarbeit übernehmen, erleiden die Augentrübung häufiger. «Dazu kommt, dass gerade ältere Menschen praktisch nie Sonnenbrillen tragen», sagt die Augenärztin.

Ihre Augen seien oft ein Leben lang schutzlos dem UV-Licht der Sonne im Himalaya ausgesetzt. Der graue Star lässt sich behandeln. Schwieriger ist es, dass die Information zu den Menschen in den abgelegenen Dörfern gelangt, die nicht über moderne Kommunikationsmittel zu erreichen sind. Daher wissen Viele schlicht nicht, dass es in Surkhet eine Behandlungsmöglichkeit gibt. Um das zu ändern, führt das Rote Kreuz immer wieder sogenannte Screening Camps durch, bei denen medizinisches Personal und Freiwillige die Dörfer besuchen, um Augenkrankheiten möglichst früh zu diagnostizieren und die Bevölkerung zu sensibilisieren.

Freiwillige informieren

Das Screening Camp im abgelegenen Ramghat zeigt, wie gross das Interesse der Bevölkerung ist. Im Dorf, das etwa zwei Stunden Autofahrt von Surkhet entfernt ist, fühlt es sich an, als ob gerade ein Volksfest stattfinden würde. Die Menschen sitzen auf Holzbänken und scherzen miteinander, bis sie an der Reihe sind für den Sehtest. Wer eine Brille braucht, erhält sie hier. Verschiedene Augenleiden werden abgeklärt. Bei Verdacht auf eine schwerwiegende Erkankung werden die Betroffenen nach Surkhet ins Spital überwiesen. Eine der Freiwilligen vom Jugendrotkreuz, die im Schatten eines Baumes gerade Pause machen, ist Ganga Buda. Die 14-Jährige ist schüchtern, taut aber auf, wenn man sie nach ihrer Arbeit fragt. «Wir registrieren die Leute, führen die Sehtests aus und geben die Informationen dann an die Optiker weiter.» Es ist in zwei Jahren das dritte Mal, dass sie an einem Screening Camp mitmacht.

Es gäbe beim Jugendrotkreuz auch andere Möglichkeiten sich zu engagieren, doch Ganga macht nur bei den Augenprojekten mit. Bei den Gründen verschwindet ihr Lächeln. «Mein Vater kann wegen einem Glaukom auf einem Auge nicht mehr sehen», erklärt die 14-Jährige. Bei ihm sei es zu spät, etwas daran zu ändern. «Ich hoffe, dass sein Schicksal bei anderen Menschen verhindet werden kann.»