Sierra Leone

Hilfe für die jüngsten Ebola-Opfer

Im Ebola-Behandlungszentrum des Roten Kreuzes in Kenema in Sierra Leone werden die gesunden Kinder getrennt von ihren Müttern betreut.

An einem Zaun wiegen sich blaue, rosafarbene, grüne und violette Ballone sanft im Wind. Fünf kleine Kinder singen ein norwegisches Lied und bewegen dazu begeistert Kopf, Schultern, Knie und Zehen. Doch der erste Eindruck täuscht: Das ist keine Kinderparty. Hier wird heute die Entlassung von fünf kleinen Patienten gefeiert, bei denen Verdacht auf Ebola bestand.

Gemeinsames Singen mit dem Personal des Zentrums war nur eine der Aktivitäten, mit denen die Kinder in den letzten 21 Tagen unterhalten wurden. So lange dauert die obligatorische Quarantänezeit für Personen, die Kontakt zu einem bestätigten Ebolapatienten hatten.

Zwischen einer liebevollen Mutter und ihrem Kind könnte der Kontakt kaum enger sein. Deshalb ist das Ansteckungsrisiko enorm hoch

Anders Håkanson, Schwedisches Roten Kreuz

Alle Mütter dieser Kinder wurden bei der Aufnahme positiv auf Ebola getestet, während die Kinder noch keine Symptome zeigten. Um den Kindern die besten Überlebenschancen zu bieten, werden sie von ihren Müttern getrennt und im sogenannten «Kindergarten» betreut, der seit November besteht. Diese neue Einrichtung im Ebola-Behandlungszentrum dient als Isolierbereich, in dem Kinder unter sieben Jahren auf Ebolasymptome beobachtet werden. Sobald Fieber oder andere Krankheitszeichen auftreten, wird das Kind zu seiner Mutter zurückgebracht, um eine Ansteckung der anderen Kinder zu verhindern.

Die Kinder werden von Pflegepersonal betreut, das zuvor selbst an Ebola erkrankt war und die Infektion überlebt hat. Obwohl die Kinder keine Ebolasymptome aufweisen und das Personal bis zu einem gewissen Grad immun ist, schützen sich die Betreuerinnen mit einem Überkleid, einer Maske und Handschuhen. Im Gegensatz zur Ruhe, die normalerweise in einem Spital herrscht, sprudelt der Kindergarten vor Aktivität und Bewegung. «Wir singen und tanzen, erzählen Geschichten und spielen», sagt Doris Lansana, eine der überlebenden Pflegenden, die sich um die Kinder kümmert.

Die Krise dauert an
Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) hat einen revidierten Nothilfeaufruf über 41 Millionen Schweizer Franken erlassen, um die mehr als 11 Millionen Menschen zu erreichen, die vom Ebola-Ausbruch in Sierra Leone betroffen sein könnten. Im Zusammenhang mit dem Ebola-Ausbruch in Westafrika hat die IFRC insgesamt 16 Einsätze lanciert, die auf 39 Millionen Menschen ausgerichtet sind. 

Auf Symptome beobachten

«Wir geben ihnen zu essen, waschen sie, messen zweimal täglich Fieber und beobachten sie auf Ebolasymptome. Die Kinder sind glücklich hier. Heute ist ein wunderbarer und zugleich trauriger Tag. Wir freuen wir uns, dass wir etwas erreicht haben und dass die Kinder nach Hause gehen dürfen. Doch wir werden sie auch sehr vermissen, denn wir waren die ganze Zeit mit ihnen zusammen.»

Eine andere Pflegende, Fatima K. Kamara, erzählt, dass ihr fünfjähriger Sohn Mohamed mit den Kindern telefoniert habe. «Er sagte ihnen, er wäre gerne ihr Freund, sobald sie das Zentrum verlassen könnten», berichtet sie stolz.

Keine der Mütter hat die Krankheit überlebt

Hinter der Verspieltheit der Kinder steht eine traurige Realität: Keine der Mütter hat die Krankheit überlebt. Die sieben Jahre alte Fatmata hat nach dem Vater auch die Mutter verloren. Mit der zunehmenden Verbreitung von Ebola bleiben immer mehr Kinder elternlos zurück. Oft ist es schwierig, die nächsten Verwandten zu finden oder sicherzustellen, dass das Kind von seiner Gemeinschaft nicht gebrandmarkt und ausgestossen wird.

Doch der heutige Tag geht gut aus. Das Personal des Ebola-Behandlungszentrum konnte für jedes Kind ein Familienmitglied ausfindig machen und mit diesem Kontakt aufnehmen. Viele Familien waren davon ausgegangen, das Kind sei zusammen mit seiner Mutter gestorben.

Aufnahme bei Familienmitgliedern

Wie Fatmatas Mutter vor ihrem Tod gewünscht hatte, wird das Mädchen bei seiner älteren Schwester und einem Onkel leben. Als ihre Schwester eintrifft, winkt ihr Fatmata zur Begrüssung zu und ein scheues, aber strahlendes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Auch Fatmatas Onkel Fodey kommt mit, um sie abzuholen: «Gottseidank ist sie noch am Leben und hat uns nicht verlassen.»

Im Behandlungszentrum wird man die Kinder zweifellos vermissen. Das Pflegepersonal erzählt, wie sich Fatmata als Älteste um die kleineren Kinder gekümmert hat und wie anstrengend der zweijährige Lahai war. «Dieser Lausejunge hielt uns ganz schön auf Trab», sagt die Betreuerin Doris, schüttelt den Kopf, verdreht die Augen und lacht. Offensichtlich hat Lahai beim Personal des Zentrums einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Beim Gedanken an das lebhafte Kleinkind schütteln alle amüsiert den Kopf.

Als Unterstützung für ihre Familie erhalten die Kinder beim Austritt ein Paket mit Hygieneartikeln, Kleidern und Lebensmitteln. Mit Kontrollbesuchen wird sichergestellt, dass sich die Kinder gut einleben. Diese Besuche werden zwischen dem Sozialministerium, dem Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen koordiniert. Sind keine Familienangehörigen aufffindbar, arbeitet das Ebola-Behandlungszentrum mit einer lokalen Hilfsorganisation zusammen, die das Kind vorläufig betreut.

Als die Kinder mit dem Austrittszeugnis in der Hand den Kindergarten verlassen, wirken sie wie ganz normale Kinder, die um den Fussball oder den violetten Dinosaurier streiten. Beflügelt von der Aussicht, nach Hause zu gehen, stimmen sie mit einer australischen und einer britischen Pflegenden ein letztes Mal das Vogellied an.